Textprobe

aus „Ein kleines bißchen Reife“

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Erich Pawlu: 

Auszug aus der Erzählung
„Über den Rubikon ins zwanzigste Jahrhundert"

(aus dem Erzählband „Ein kleines bißchen Reife")

Vater Rubikon, ein schwarzmähniger, etwas ölig wirkender Mann, unterschied sich in Aussehen und Auftreten von seinem Sohn in jeder Hinsicht. Wortreich war Herr Rubikon, gewandt und freundlich - ein Mensch also, der, abgesehen von seiner öligen Frisur und seinen stets eingefetteten Händen, gut ins zwanzigste Jahrhundert paßte. Allerdings trieb ihn eine unerklärliche Abneigung gegen jede Form der Seßhaftigkeit dazu an, in einem teuren Auto über Land zu fahren. Um seinen Traum von einem vagierenden Dasein verwirklichen zu können, erfand er die unglaublichsten Begründungen für weite Reisen. Die permanente Abwesenheit Herrn Rubikons hatte offenbar seinen Sohn Philipp weniger getroffen als seine Frau Emilie. Diese hatte sich nach einigen einsamen Ehejahren in die Arme ihrer in Stuttgart lebenden Mutter geflüchtet und ihrem Gatten das Erziehungsrecht für Philipp widerspruchslos überlassen. 
Herr Rubikon hätte am liebsten das Söhnchen schon als Wickelkind auf seine zeitraubenden Ausflüge mitgenommen. Aber zunächst ließ das Frau Emilie Rubikon nicht zu, und später verhinderte die lästige Schulpflicht allzu lange gemeinsame Reisen von Vater und Sohn. Allerdings scheute sich Herr Rubikon nicht, den heranwachsenden Jungen wenigstens an seinen strahlenförmig ins ganze Land führenden Kurzfahrten teilhaben zu lassen, wobei er nicht selten die Ausfertigung einer korrekten Entschuldigung vergaß oder aufgrund seiner fröhlichen Lebenshaltung verweigerte. 
Vater Rubikon hatte sich allmählich zu einem perfekten Dauerreisenden entwickelt. Während er in den ersten Jahren seiner unglücklichen Ehe höchst unzulängliche Begründungen für sein langes Fernbleiben gefunden hatte, um seinem Drang in die Weite nachgeben zu können, war er im Laufe seines Lebens gereift: Als Philipp zwölf Jahre alt geworden war, begann sich Vater Rubikon als Antiquitätenhändler zu bezeichnen, und auch sein Telefonanschluß war im örtlichen Fernsprechbuch unter dem Eintrag »Rubikon Cesar, Stilmöbel u. Antiquitäten« auffindbar. 
Die steigende Nachfrage nach Stilmöbeln aber bewog Cesar Rubikon, seine Erkundungsfahrten über ganz Mitteleuropa auszudehnen. Und immer öfter bewog er seinen Sohn Philipp, ihn auch auf größeren Fahrten zu begleiten. Philipp erwies sich zwar im Umgang mit den Geschäftsfreunden Cesar Rubikons als ungewandt, aber er konnte immerhin schon mit anpacken, wenn es galt, ein Stilmöbel im weitesten Sinne des Wortes vor dem Verfall zu bergen und in einem Autoanhänger, der eigentlich für den Transport von Turnierpferden konstruiert war, nach Altstädt zu überführen. 
Cesar Rubikon hatte sich allmählich eine Marktlücke zunutzegemacht. Er sammelte weniger alte Möbel, weil deren Transport mit großen Anstrengungen verbunden war und weil alte Schränke, Truhen und Kommoden immer seltener aufzustöbern waren; er kaufte vielmehr in ländlichen Gegenden uralte Bretter auf, ließ sie von einem Altstädter Schreiner bearbeiten, zusammenzimmern und bemalen, so daß sie schließlich als »rustikale« Einrichtungsartikel sündteuer verkauft werden konnten. 
So ist es zu erklären, daß Cesar und Philipp Rubikon bei ihren Überlandfahrten ein waches Auge auf alte Holzgebäude hatten. Insbesondere übriggebliebene Aborthäuschen erwiesen sich als eine wahre Rohstoffundgrube, weil das dort verwendete Holz den verschiedensten Widerwärtigkeiten des Lebens oftmals erstaunlich rüstig standgehalten und dadurch jene Patina erworben hatte, die von Käufern mit rustikalern Geschmack schließlich als alt, antik und garantiert »echt« empfunden wurde. Erstaunlich war, daß sich schadhaftes Holz besonders gut verkaufen ließ. Ein Tisch, in dessen Platte ein gewaltiger Riß klaffte, oder eine durch und durch wurmstichige Kücheneckbank versetzten die Kunden Cesar Rubikons in einen Rausch von Kauflust. 
Vater Rubikons Geschäft blühte. Während er seinen Umsatz innerhalb eines Jahres verdoppelte, nahm allerdings sein Sohn Philipp das Unterrichtsangebot des JohannRemplein-Gymnasiums nur zur Hälfte in Anspruch. 
»Du bist doch nicht mehr schulpflichtig, Philipp. Oder?« fragte Cesar Rubikon eines Tages, als die beiden in der Luxuslimousine mit Pferdeanhänger durch eine ziemlich entfernte Gegend schaukelten. 
»Was soll das?« murmelte Philipp, der es nicht ausstehen konnte, an seine Schule erinnert zu werden. 
»Na ja, ich möchte keine Schwierigkeiten mit deinem Direktor haben. Verstehst du?« sagte Vater Rubikon. »Also bist du schulpflichtig oder nicht?« 
»Nein«, meinte Philipp gereizt. »Nein, als Elftkläßler bin ich nicht mehr schulpflichtig. 
»Na also«, sagte Cesar Rubikon zufrieden und steigerte die Reisegeschwindigkeit. »Dann ist ja alles gut.« 
»Na, ich weiß nicht recht«, gab Philipp zu bedenken. 
 »Was weißt du nicht?« 
»Die haben recht merkwürdige Auffassungen, weißt du«, erläuterte der Sohn. 
»Wer? Wer hat merkwürdige Auffassungen?« 
 »Meine Lehrer.« 
»Die Hauptsache ist, daß du nicht mehr schulpflichtig bist, Philipp. Merk dir das!« belehrte Vater Rubikon seinen Beifahrer. 
»Na gut«, sagte Philipp. Damit endete die Erörterung eines folgenschweren Themas. 
Die Lehrer des Johann-Remplein-Gymnasiums hatten wirklich merkwürdige Auffassungen. Oberstudienrat Pranscher trieb seine seltsame Einstellung so weit, daß er die Absenzen Philipp Rubikons sorgfältig notierte, schließlich summierte und das Resultat anläßlich einer Lehrerkonferenz dem erstaunten Kollegium bekanntgab. 
Nach einer langwierigen Debatte, die weder die schweren Zeitumstände noch die undankbare Rolle der Schule von heute außer acht ließ, wurde der Beschluß gefaßt, Philipp Rubikon für den Fall weiteren unentschuldigten Fernbleibens mit einer Dimission zu bedrohen. 
Philipp nahm den Brief, der ihm in sachlicher Sprache die schrecklichsten Konsequenzen in Aussicht stellte, schweigsam entgegen. 
»Werden Sie jetzt endlich Vernunft annehmen?« fragte Oberstudienrat Pranscher. 
»Aber selbstverständlich«, murmelte Philipp und fehlte am nächsten Tag abermals. 
Vater Rubikon unternahm an diesem Tage eine Reise an den Niederrhein, wo in einer kleinen Stadt ein ehemaliges Waschhaus aus reinem Eichenholz auf den Stilmöbelhändler wartete. Das Gebäude hatte den feuchten Verhältnissen insgesamt wirksam getrotzt, im einzelnen aber die allgemein gewünschten Schimmel-, Holzwurm- und Moderschäden zugelassen. Eine Verarbeitung dieser Bretter würde Cesar Rubikons Umsatz auf eine neue Rekordmarke treiben, weil aus ihnen Bauernschränke, rustikale Sessel und wurmstichige Nachtkästchen in Hülle und Fülle entstehen würden. »Du fährst mit«, entschied Vater Rubikon. »Die Abbrucharbeiten werden nicht einfach sein. Ich brauche deine Kraft.« 
»Das wird nicht gehen«, wandte Philipp ein. 
»Warum nicht?« Vater Rubikon fragte sehr streng, weil er Verstocktheiten angesichts des klar geäußerten väterlichen Willens um alles in der Welt nicht leiden konnte. 
»Warum nicht?« wiederholte er. 
»Weil«, sagte Philipp Rubikon, »weil meine Lehrer ihre merkwürdigen Ansichten noch nicht abgelegt haben.« 
»Bezüglich deiner Anwesenheit?« fragte Vater Rubikon. 
»Ja.« 
»Bist du schulpflichtig?« 
»Nicht direkt«, sagte Philipp Rubikon. 
»Na also. Fahren wir los.« Damit schloß der Vater die Debatte ab.

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