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Erich
Pawlu: Der Kolichmann
(aus
dem Erzählband „Gestörte Spiele")
Daß es Frühling wurde, merkte man am Nachlassen
des Schnupfens, an Schwellungen infolge erster Bienenstiche und an lehmverkrusteten
Schuhen. Aber man merkte es alljährlich auch daran, daß der
Kolich-Mann durchs Dorf fuhr.
Kaum standen die ersten Blumen in den Gärten, da kam es die Gasse
herauf und näherte sich mit Glöckchengebimmel und Blechbüchsengeschepper,
und auf einen meist verunglückten Trompetenstoß erfolgte der
durchdringende Ruf: »Kooolich!« Das hieß nichts anderes,
als daß hier ein reklamekundiger Geschäftsmann Kalk verkaufen
wollte.
Ein schwarzes Pony, geschmückt wie ein Zirkusgaul, schüttelte
im Eifer des Vorwärtsstrebens wohl ein Dutzend Glöckchen, die
überall dort angebracht waren, wo an einem so kleinen Pferd ein Glöckchen
zu befestigen war. Und selbst wenn es stehenzubleiben hatte, weil ein Käufer
gefunden war, klingelte es noch am zuckenden Ohr oder im schlagenden Schweif
des Tieres. Bunte Bänder wehten an beiden Flanken im Märzwind,
und wer am Wegrand stand, freute sich über den farbigen, sichtbaren
Einzug des Frühlings.
Am meisten lachte der Mann auf dem Wägelchen, der Kolich-Mann,
selbst. Seine Freundlichkeit hatte ihm eine Stammkundschaft gesichert,
so daß mancher Hausherr schon vorzeitig vor den abblätternden
Kalkwänden seines Anwesens stand , in die Richtung blickte, aus der
es klingelte und trompetete, und mit dem Geld in seiner Tasche dazu klimperte.
Aber auch für den, der sich vergewissert hatte, daß der Hausputz
noch ein Jahr aushalten würde, hatte der Kolich-Mann eine freundliche
Geste, er winkte herüber und lachte wie jedes Jahr. Natürlich
sammelten sich immer Kinder um das seltsame Gefährt. Sie stießen
an die leeren Konservendosen und ließen sie an den Schnüren
baumeln, daß sie zusammenstießen und klapperten. Oder sie unterstützten
das Männchen, das oben auf einem quergelegten Brett in seinem Wagen
saß, indem sie mit ihm nach jedem Trompetensignal aus Leibeskräften
im Chor schrien:
»Kooolich!«
Dann verschoben sich die Runzeln und die Kalkflecken im Gesicht des
Kolich-Manns, weil er sich freute. Und selbst, als einmal ein Halbwüchsiger
dem Pony eine Knallerbse unter den Bauch warf, daß das Tier seine
Gutmütigkeit vergaß und plötzlich zur Seite hin ausbrechen
wollte, da drohte der alte Mann auf dem Fuhrwerk nach der Beruhigung seines
Pferdchens nur mit dem Finger und lachte dabei.
Er redete niemals viel, weil er unsere Sprache nicht beherrschte. Ein
paar Zahlen, viel Handbewegungen und das Wort Kolich genügten ihm
bei seiner Freundlichkeit, jedes Geschäft abzuwickeln. Und er war
bekannt dafür, daß er immer dann, wenn er die gewünschte
Menge Kalk bereits von seinem Wagen abgeladen hatte, noch dreimal mit der
Schaufel in seine Ware stach und Zugaben austeilte. -
In einem Jahr war es aber schon sehr heiß geworden, und der Kolich-Mann
hatte sich noch nicht blicken lassen. Den meisten Leuten wird das nicht
weiter aufgefallen sein, weil der Frühling jetzt ohnehin eine nebensächliche
Angelegenheit war, nachdem sich so viel Entscheidendes verändert hatte
und man allgemein von einem politischen Frühling sprach, der über
alle Jahreszeiten hinweg anhalten sollte.
Aber dann bimmelte es eines Tages doch wieder die Gasse herauf, die
Bänder, der weißverschmierte Wagen, der Kolich-Mann auf quergelegtem
Brettchen erschienen.
Die Häuser mußten jetzt besonders sauber gehalten werden,
weil ein hoher Herr aus der Reichshauptstadt eine Besichtigung angekündigt
hatte. Der Kolich-Mann machte ein gutes Geschäft und lachte wie eh
und je. Bald mußte er den letzten Kalk von den Brettern seines Wägelchens
kratzen, um noch die Ansprüche eines letzten Käufers erfüllen
zu können, da hielt er auf einmal inne, denn in das leise Gebimmel
der Glöckchen mischte sich wütendes Gebell. Ein Wolfshund schoß
die Gasse herunter, war schnell knapp vor dem Pony, drückte den Bauch
fast auf den Boden, fletschte über gestreckten Vorderbeinen die Zähne
und bellte zum klingelnden Ponykopf hinauf. Das Pferd blickte gelassen
und wie nachdenklich zu dem rasenden Hund hinab und schüttelte nur
widerwillig die Mähne, daß die Glöckchen lauter bimmelten
und die blauen Bänder zu flattern begannen. Das machte den Hund noch
wütender. Er schien einen Angriff wagen zu wollen, aber da ertönte
ein schriller Pfiff, und der Wolfshund trottete mit einem letzten Knurren
zurück zu seinem Herrn, der sich in Stiefeln und brauner Uniform näherte.
Er blickte düster drein, als er den Hund an die Leine nahm, und ging
auf den Kolich-Mann zu, der durch ein Lächeln zu verstehen zu geben
versuchte, daß die Angelegenheit ja weiter nicht schlimm und kein
Grund zur Aufregung sei.
Aber der Herr des Hundes verzog keine Miene. »Ihren Ausweis,
bitte!« sagte er sachlich.
Zum ersten Mal sah man die Fröhlichkeit aus dem Gesicht des Kolich-Mannes
schwinden. Da gewahrte man erst, wie alt er schon war. Er fingerte in den
Innentaschen seiner mit weißen Flecken verschmierten Jacke herum
und brachte endlich ein Papier zum Vorschein.
Der Herr in Uniform warf nur einen Blick darauf und sagte dann wie
selbstverständlich. »Kommen Sie mit!«
Da begann der Kolich-Mann in seiner fremden Sprache zu jammern. Er
blickte hilfesuchend um sich, aber die Käufer waren schnell weggegangen,
nur die Kinder standen noch da, und die meisten lachten, weil die Sprache
des Kolich-Mannes gar so merkwürdig klang. Der hatte schließlich
sogar die Hände gefaltet und streckte sie in die Höhe, wie man
es sonst nur auf Bildern in der Kirche sieht. Aber der Mann mit dem Hund
sagte trocken:
»Nichts da! Mit solchem Gesindel muß aufgeräumt werden.«
Und er packte ihn schließlich am Ellenbogen und drängte
ihn vorwärts.
Der Kolich-Mann streifte noch einmal das Pony und den Wagen, die bunten
Bänder und die Glöckchen mit einem Blick, aber da bellte der
Hund, und der Kolich-Mann ging klein und alt neben dem uniformierten Herrn
zur Gemeindekanzlei.
Das Pony stand ruhig vor dem Wagen bis zum Abend und wartete. Am nächsten
Morgen war alles verschwunden. Und auch in den folgenden Jahren ist der
Kolich-Mann nicht mehr wiedergekommen.
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